| 21.04.2007
Wenn ein erstes Treffen wundervoll war, und man weit über ein Jahr auf ein Wiedersehen warten muss, ist Skepsis angebracht: Wird eine zweite Zusammenkunft ein genau so außergewöhnliches Erlebnis wie die erste?
Diese Frage stellt sich mir vor einem Konzertausflug nach Frankfurt. Zum zweiten Mal sehe ich die Ikone Bob Dylan live. Unlängst habe ich die Musik des "Meisters" ins Herz geschlossen. Früher hielt ich den Amerikaner noch leichtsinnig für einen alternden Folksänger mit einigen netten Lieder, ehe ich mich mit all den fulminanten Alben beschäftigte, die Generationen begleitet haben. Schließlich hat mich die Kraft der Musik während meines ersten Konzertbesuches in Hannover schlicht übermannt.
Diesmal also gastiert Dylan im Rahmen seiner "Endlostournee" in der Frankfurter Jahrhunderthalle. Das Rund ist sehr gut gefüllt, um kurz nach halb acht gehen die Lichter im Saal aus, Jubel brandet auf. Spot an - und da steht er inmitten der Bühne, samt weißem Cowboyhut: Bob Dylan. Unterstützt durch fünf begnadete Begleitmusiker, Untertanen, im Schatten der Legende. Allesamt in schwarz gekleidet.
In Hannover hat Dylan den ganzen Abend leicht gebückt hinter seinem Keyboard gestanden. Bei seiner diesjährigen Tournee jedoch bearbeitet er gleich zu Beginn für einige Stücke die Saiten seiner elektronischen Gitarre. Nach fünf Liedern nimmt er seinen Platz hinter dem Keyboard ein, dass ein wenig seitlich versetzt auf der rechten Bühnenhälfte steht. Somit lässt er seinen Begleitmusikern sehr wohl Raum.
Vor allem neue Titel seines im letzten Jahr erschienenen "Meisterwerkes" Modern Times bietet er an diesem Abend dar, sechs Stück an der Zahl, die allesamt eine wunderbare Magie entfalten: "Thunder on the Mountain" etwa kommt noch rockiger als auf der Platte daher - der Blues von Dylan ist mitreißend. Die wunderschöne Ballade "When the Deal Goes Down" entführt einen in die Welt der Sehnsucht. Einer wie Dylan darf über die Liebe singen. Fast bin ich versucht mich dafür zu entschuldigen, dass ich niemanden um mich weiß, den ich bei diesem Lied festhalten kann, ein wenig verloren und schuldig fühle ich mich als Individuum inmitten all der Paare, die Dylan wahrscheinlich schon seit sehr vielen Jahren die Treue halten und nun umschlungen der Musik lauschen.
Seit mehr als vier Jahrzehnten ist der Amerikaner im Geschäft - doch die Mischung aus neuen und alten Stücken geht sich an diesem Abend perfekt auf. Beim Stück "Highway 61 Revisited" aus dem Jahre 1965 kenne ich schließlich kein Halten mehr, am liebsten würde ich die eben noch kuschelnden, um mich herum stehenden Ü-40ziger anbrüllen: "Tanzt! Das ist Rock'n'Roll!"
Aber selbst nach einem Klassiker wie "Like a Rolling Stone", der wie nahezu alle Titel des Abends im Gegensatz zur Originalaufnahme in einer anderen Version dargeboten wird, zeigen sich die Konzertgänger mit frenetischen Rufen zwar dankbar, aber von purer Ekstase kann keine Rede sein. Dabei wäre genau diese dem Abend angemessen gewesen. Da singt jemand bei bester Stimme über das Leben, und man nimmt ihm jedes Wort ab. Und die Band sorgt stets für den perfekten Klangteppich.
Außer einer kurzen Vorstellung seiner Begleitmusiker verliert Dylan kein - man möchte fast sagen - überflüssiges Wort. Ab und an lässt er seine Mundharmonika sprechen. Und nach zwei Zugaben und 100-minütiger Spieldauer entschwinden die sechs Mannen von der Bühne.
Es ist an Dylan: Sollte er eine weitere Platte veröffentlichen und diese hierzulande live präsentieren - ich wäre wieder dabei. Und selbst leise Bedenken, wie vor meinem zweiten Aufeinandertreffen mit dem Meister, bleiben dann gewiss aus: Jeder Abend mit Bob Dylan stellt einen Gewinn dar. Ich bin diesbezüglich nun endgültig über jeden Zweifel erhaben.
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