| 20.03.2005
Es ist wohl eine unglückliche Fügung, dass ich Tocotronic nicht wie ursprünglich geplant in ihrer Heimat Hamburg, sondern wenige Tage drauf, an einem der Tristheit verschriebenen Sonntag im beschaulichen Kassel zu Gesicht bekomme. Ausverkauft war das Konzert im Kasseler Musiktheater (alteingesessener Rockschuppen) am 20.03.2005 im Gegensatz zum Hamburger Gig nicht. Und so braucht es eine gewisse Zeit, bis die Nordhessen in Schwung kommen.
Die "Tocos" geben zunächst zwei Stücke ihres hymnenhaften und wunderbar schrammeligen aktuellen Albums "Pure Vernunft darf niemals siegen" zum Besten: Das mystische "Ich habe Stimmen gehört" und die erste Single "Aber hier leben, nein danke" ebnen den Weg für einen zu keinem Zeitpunkt langweiligen Konzertabend.
Welche Kraft gerade in den neuen Songs steckt, wird besonders beim Titel "Der achte Ozean" deutlich: Unterstützt vom Engländer Rick McPhail, der das Hamburger Trio seit dieser Tour mit einer zweiten E-Gitarre auf der Bühne komplettiert, schmettern sie das textlich verträumte Lied samt fulminantem, leicht verzerrtem Finale dem Publikum entgegen. Das jedoch hält sich noch zurück – und gibt erst nach gut einer Stunde bei schon geläufigeren Titeln des rund zweistündigen Konzertes seine abwartende Haltung auf: Das in zehn Jahren gereifte "Drüben auf dem Hügel" vom punkigen Debütalbum etwa heizt richtig ein, auch das noch recht frische "Hi Freaks" findet Anklang bei den Konzertgängern. Vor den zwei Zugaben beendet der Title-Track der aktuellen Platte mit einprägsamen "La-La-Refrain" das Programm.
Am Ende durfte ein jeder im Saal dankbar sein, dass es die Musiker der "Hamburger Schule" mit Bravour und Kraftanstrengung schafften, ihre offensichtlich gute Stimmung überschwappen zu lassen. Denn, wie sagte Sänger Dirk von Lowtzow recht treffend noch während des Auftritts: "Es ist Sonntag. In Kassel. Respekt!"
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