| 17.03.2002
Mit gedämpfter Stimme, den Kopf leicht in meine Richtung geneigt, entgegnet mir die Dame im Empfangszimmer der TV-Produktionshalle, dass wir hier falsch seien - zwei Hallen weiter würden wir die Kollegen der SAT.1-Single-Show "Nur die Liebe zählt" antreffen. Ihr mitleidiger Blick lässt erahnen, auf was ich mich da eingelassen habe.
Per Internet habe ich mich beworben und in einem offenbar mitreißenden Schrieb Zuversicht verbreitet. Die Sache war längst vergessen, als zwei Wochen später das Telefon klingelt: Ob ich Lust hätte, an einem Casting für ein Blind Date in Barcelona teilzunehmen? Da sage ich nicht nein. Zusammen mit einem Kumpel steuere ich zwei Tage später die Fernseh-Studios in Köln-Hürth an. Eine junge, trendy gestylte Frau - Jutta, jene Frau vom Telefon - nimmt uns in Empfang. Von ihren Umgangsformen nicht gerade angetan (uns wird lediglich der kleine Finger gereicht, da sie Unterlagen und Videokassette in Händen hält), wird mein Kumpel mit Apfelsaft abgespeist und ins Foyer im Erdgeschoss verfrachtet (ich hätte "Kais Pflaumensaft" erwartet). Während er sich den Genüssen des Fruchtsaftes hingibt, zerrt man mich in eine kleine Räumlichkeit und überhäuft mich mit belanglosen Informationen: In diesem Raum wurden also auch die Big-Brother-Kandidaten gecastet. Wie interessant! Ein kleiner weißer Tisch, drei Stühle, ein CD-Player neben der Tür und dazwischen eine altmodische VHS-Kamera sind das bescheidene Zimmer-Inventar. Die Tür wird geschlossen, die Casting-Sektion ist nun hermetisch abgeriegelt. Grelle Lichter strahlen mir aber nicht entgegen.
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Die wunderbare Karikatur hat Alexandra Wieja für diesen Artikel zu Papier gebracht. |
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Nach einem kurzweiligen Vorgeplänkel kann das Verhör beginnen: Vor laufender Kamera stelle ich mich in aufrechter Position vor, ehe das Frage-Antwort-Spielchen im Sitzen weitergeht, Fragen nach Hobbys und Beruf beantworte ich kurz und bündig. Bei der Frage "Was bedeutet für dich Liebe?" mache ich mir das erste Mal Gedanken: Was will sie hören? Muss ich das Klischee bedienen? Romantik walten lassen? Den netten Jungen von nebenan mimen? Ich hangele mich von Satz zu Satz. Viel größere Intimitäten werden mir glücklicherweise nicht abverlangt. Doch der Schein trügt: "Tanzt du gerne?", lautet die heimtückische Fangfrage. Selbstverständlich habe ich mich schon rhythmisch betätigt - von Eleganz kann bei meinen zwei Metern Körpergröße und praktizierender Unsportlichkeit freilich keine Rede sein, darum versuche ich, mich rauszuwinden. Denn schlagartig kommt mir der unscheinbare CD-Player an der Tür wieder in den Sinn - ich muss doch nicht etwa wirklich vor Jutta rumhampeln? Doch: "Dann tanz’ bitte mal zu dem folgenden Lied!" Klar, wie es um die Sache bestellt ist: Eine Mutprobe. Wenn ich hier nicht mein Tanzbein schwinge, bin ich endgültig aus dem Rennen - wie originell! Zu ungeliebter Hip-Hop-Musik (das hätten nur die Kastelruther Spatzen toppen können!) führe ich ihr meine Rechts-Links-Ausfallschritte vor und muss dabei ihr zurückgehaltenes Grinsen erdulden. Entwürdigend.
Nach diesem Auftritt hoffe ich vergeblich auf spannende Fragen. Ich würde mir liebend gern mit Jutta Wortgefechte über das existenzielle Sein liefern, aber keine Chance! Mein rhetorischer Schwall scheint sie zu überfordern. Auf die Frage, was meine Traumfrau ausmachen muss, schmettere ich ihr einen langatmigen Monolog entgegen. Mit großen Augen schaut sie mich an - irgendwie vermag sie mich nicht einzuordnen. Vermutlich erfülle ich nicht die showrelevanten, single-typischen Kriterien (suchend, ignorant, naiv, glatt, lässig, elegant).
Dann wird es wirklich spaßig: Wie ich mir die äußere Erscheinung meiner Traumfrau vorstelle? Natürlich dreinschauen sollte sie, möglichst nicht zehn Piercings im Gesicht tragen, und ein Fan von riesigen Kreolen sei ich auch nicht... gerade als ich Letzteres von mir geben will, fällt mir auf, dass an Juttas Ohren selbige Klunker baumeln — ich gerate ins Stocken und vermag den Satz noch abzuändern in "Und fünf Goldgürtel braucht sie auch nicht um die Hüfte geschwungen zu haben". Das war nicht wesentlich besser, denn sie trägt einen.
Ich beginne die Seriosität dieser kultivierten Veranstaltung in Frage zu stellen und mache mir nunmehr Gedanken, wie das Nachmittagsprogramm in Köln aussehen könnte. Dies soll keine Entschuldigung sein, aber vielleicht der Grund für meinen - zugegeben - fatalen Fehltritt: Auf die Frage, ob ich die Single-Show "Nur die Liebe zählt" denn regelmäßig im Fernsehen verfolgen würde, erwidere ich, dass ich durchaus ab und an mal reinschaue und schon gespannt sei auf die nächste Staffel. Unglücklicherweise läuft diese schon seit Wochen. Für einen Moment nicht auf dem Damm, und schon ist selbiger gebrochen! Zügig gelangen wir zur Abschlussfrage: "Möchtest du zum Schluss noch was sagen?" Mit einem leicht entnervten, aber dennoch bodenständigen Gesichtsausdruck spreche ich in die Kamera meine finalen Worte: "Ja, ich grüße meine Eltern."
In Barcelona war ich bis heute nicht.
Diese Glosse erschien am 17. März 2002 in der Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen.
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