| 30.06.2006
Warum soll man eine Veranstaltung Ernst nehmen, die "Hessentag" heißt aber über eine Woche dauert? Mit meinem langjährigen Kumpel Matthias mache ich mir dennoch ein eigenes Bild vom "Freudenfest" der Hessen, das in diesem Jahr im idyllischen Hessisch Lichtenau stattfindet.
Zum Hessentag geht es von Kassel aus mit der Regiotram - Transrapid Nordhessens. Aus der Bahn ausgestiegen fällt uns notgedrungen auf, was nahezu alle anderen Besucher bei sich tragen - nur wir nicht: Regenschirme. Zielstrebig wird daher bei Nieselwetter der nächste Bratwurststand angepeilt, den wir gleich am Anfang der Fressmeile ausfindig machen, für Stadtfest erprobte Provinzler wie uns kein Problem.
Kurz darauf steuern wird die Werbezelte der lokalen Aussteller an, die unglücklicherweise ganz am anderen Ende des "Festgeländes" gelegen sind, Buden und Stände mit Handwerkgut am Wegesrand weisen einen jedoch zielstrebig den Weg. Bei einem Stand komme ich ins Grübeln: Warum sollte ich mir eigentlich meinen Namen auf ein Reiskorn gravieren lassen und dafür auch noch Geld bezahlen?
Im Konsumparadies angekommen, betreten wir das Zelt mit Haushaltswaren. Ein Verkäufer spricht mich sogleich fachlich kompetent von der Seite an und hält mich offenbar für einen Küchenliebhaber: "Hallo, brauchen sie einen Topf?" Leicht irritiert entgegne ich ihm: "Nee, wirklich nicht. Aber einen Deckel!" Mit einer Single-Börse hat das hier alles freilich nichts zu tun.
Im Medienzelt nebenan ist da schon mehr los. Eine Stimme, die aus den Boxen ertönt kommt mir bekannt vor. Wir pirschen uns zur Bühne der Landesregierung vor und wer steht dort neben einem Moderator des Hessischen Fernsehens? Fußballlegende Horst Eckel! Weltmeister von 1954. Schlagartig erwache ich aus der "Nieselwetter-Lethargie", nehme das Ende einer Schlange wahr und stelle mich an. Blöderweise versperren wir nun mit rund 20 Leuten die Bühne, auf der offenbar bereits die nächste Veranstaltung stattfinden soll. Da der Moderator durchaus Respekt vor der Aufgabe hat, die wartenden und freudestrahlenden Autogrammjäger von der Bühne zu verbannen, fuchtelt er mit den Armen herum und erklärt den Bühnenaufgang kurz hinter unter uns gelegen zum Ende der Schlange. Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, stauben wir also Autogramme ab.
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Fußballlegende Horst Eckel (rechts) kommt um ein gemeinsames Foto nicht umhin. |
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Wie so ein kleines Pappkärtchen mit Aufschrift doch die Stimmung heben kann! Wir verlassen das Zeltlager. Direkt nebenan hat die Bundeswehr mit einer Art Besuchercamp Stellung bezogen. Ein großes Banner säumt den Wegesrand: "Bundeswehr - Wir sind da." Doch nicht nur die Bundeswehr "ist da", auch ihr Oberbefehlshaber Franz Joseph Jung höchstselbst steht am Eingang des Camps und bekommt von einigen Offizieren erklärt, worin hier denn bitteschön der Nutzen liegt. Kein einziger Hessentagsbesucher bleibt stehen, um den Bundesminister zu begrüßen. Wäre da nicht ein anderes Banner sinniger gewesen? "Bundeswehr - Wir gehen vorbei." Dann schon lieber Topfschlagen im Schlamm.
Auf dem Rückweg kommt mir zwischen den Buden ein großes Plüschtier entgegen. Ein Löwe! Lauthals schreie ich "Goleo!" Um mich herum erklingt Gelächter, doch ich habe Glück, dass ich nicht wegen Beamtenbeleidigung festgenommen werde. Es handelt sich nämlich um das Maskottchen der Polizei, und nicht um jenen "Glücksbringer" zur Fußballweltmeisterschaft. Wahrscheinlich ist mir das Autogramm zu Kopf gestiegen. Der Hessentag, einfach weltmeisterlich. Du weißt ja, wie es ist.
Diese Glosse erschien in der Juli-Ausgabe der "Nordhessischen Neuen Zeitung".
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