| 19.07.2006
Die Kaiser-Festspiele im eigenen Lande, allgemein auch Fußballweltmeisterschaft genannt, vergehen leider wie im Fluge. Meine Stadienbesuche in München, Berlin und ja - selbst in Hannover waren sagenhaft. In Frankfurt habe ich mich mit Freunden ebenfalls einen Tag rumgetrieben und in der Mainarena Spiele auf der Großleinwand angeschaut.
Überall, egal in welcher Stadt, ist der Fußballanhänger zu Gast bei Freund und Helfer: Der Polizei. In der Mainmetropole erkundigen sich ein Kumpel und ich nach dem Betrachten der Spiele am späten Abend bei einer jungen Uniformierten nach einem Rockclub, den uns ein Freund empfohlen hat. Vor ihrem Einsatzfahrzeug stehend zuckt sie mit den Schultern: "Leider weiß ich nicht, wo der Club ist, ich komme nicht aus Frankfurt, sondern aus Wiesbaden." Grinsend zeigt Joscha aufs Nummernschild: "Na klar, wie blöd von uns, auf das Kennzeichen 'WI' haben wir nicht geachtet." Zwar konnten wir ihr keine Wegbeschreibung abgewinnen, aber immerhin ein nettes Lächeln.
In der Innenstadt der Bankenmetropole steuern wir zielstrebig einen weiteren Beamten an, doch dieser winkt gleich zu Beginn des Dialoges freundlich ab: "Ich komme nicht aus Frankfurt, tut mir leid." Ja, hat denn die Frankfurter Union die stadteigene Polizei abgeschafft? Zur besseren Kennzeichnung für verplante Fans wie uns hätten die aus anderen Städten stammenden Beamten wohl besser eine Art Auswärtstrikot anziehen sollen, so könnte man sie von den ortskundigen Kollegen unterscheiden - insofern es solche überhaupt gibt.
|
Der in Frankfurt stets zu Scherzen aufgelegte Joscha ist leider nicht immer ganz im Bilde. |
|
Insgesamt wirkt die Polizei während des gesamten Turniers auf mich jedoch sehr entspannt. Das liegt wohl an der besonderen "WM-Atmo". Selbst eine Polizistin, die mit "oh, wie ist das schön, oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht gesehen, so schön, so schön"-Gesängen von einem direkt vor ihr stehenden alkoholisierten Anhänger der deutschen Fußballnationalmannschaft bedacht wird, quittiert das Buhlen um ihre Person während der Dienstzeit mit einem charmanten Grinsen - und der Fan zieht mit Fahne glücklich von Dannen.
Offenbar haben einige Beamte ihren löblichen Frohsinn fürs Restjahr jedoch während der vier Wochen WM-Turnier aufgebraucht und nicht nur die Fans - zu denen sich etliche Polizisten freilich auch zählen werden - blasen Trübsal. Den ersten Samstag nach dem wunderbaren Spiel um dem dritten Platz, der gebührend mit "Stuttgart ist viel schöner als Berlin"-Sprechchören bedacht wird und mich auch Tage drauf noch heiser klingen lässt, schlendere ich mit einem langjährigen Freund und einem Kumpel samt neuen Anhang durch das wunderschöne Fritzlar, jene Stadt also, in der ich aufwachsen durfte, und zeige ihnen die mittelalterliche Stadtstruktur.
In einer Fußgängerzone, die von PKWs nur in Schrittgeschwindigkeit befahren werden darf, kommt uns ein gelbes Fahrzeug im zügigen Tempo entgegen. Da wir uns trotz der für Fußgänger freundlichen Verkehrsregeln genötigt sehen, rasch auf die Seite der gepflasterten Straße auszuweichen, deute ich mit einer beruhigenden Handbewegung darauf hin, dass der PKW-Insasse doch bitte die Geschwindigkeit seines Gefährts wenigstens etwas drosselt - zu sehr liegt mir das Kleinstadt-Idyll am Herzen.
Doch meine lockere Gestik stößt scheinbar auf wenig Gegenliebe, das unscheinbare Fahrzeug stoppt abrupt, die Scheibe wird runtergekurbelt und ich werde angepöbelt: "Was soll denn diese Handbewegung?" Ich schaue in das Fahrzeuginnenraum und sehe einen schnaubenden uniformierten Polizisten - gar nicht gut. "Ich wollte sie nur freundlich darauf hinweisen, dass hier Schritttempo gefahren wird." Doch diese Antwort erzürnt ihn noch mehr: "Ach ja, und sie konnten mein Tacho sehen, oder was?" Verdutzt aufgrund des natürlich überflüssigen Dialogs erwidere ich: "Nein, den konnte ich natürlich nicht sehen, aber ich meine erkannt zu haben, dass sie schneller als Schrittgeschwindigkeit gefahren sind." Ein Pärchen, das die ganze Geschichte mitbekommt und wenige Meter vom Fahrzeug entfernt steht, mischt sich dezent ein: "Der junge Mann hat Recht, sie sind zu schnell gefahren!"
Die ganze Angelegenheit entwickelt sich mit zunehmender Dauer nicht gerade zum Positiven für den Uniformierten. "Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag“, so meine besonnenen Worte, mit denen ich einen Moment der Stille durchbreche. Der Polizist mustert mich noch einmal grimmig und rast - hallo, Schritttempo! - ohne Verabschiedung davon. Meine Begleitpersonen haben das Spektakel aus sicherer Entfernung beobachtet und quittieren die Einlage des Beamten und meine Heimatliebe mit Unverständnis und einem breiten Grinsen.
Dass ich bereits den darauffolgenden Tag erneut Bekanntschaft mit Ordnungshütern mache, ist dann schon eine Verkettung unglücklicher Umstände. Mit dem Fahrrad bin ich an einem heißen Tag auf dem Heinweg. Ich stehe an einer kleinen Kreuzung, die Ampel ist rot. Rechts überquert gerade eine Fußgängerin die Straße trotz ebenfalls rotem Lichtsignal, ich rolle kurzerhand auf den Bürgersteig und höre dabei nur das Motorengeräusch eines Fahrzeuges hinter mir, ansonsten ist die Kreuzung frei von weiteren Verkehrsteilnehmern. Zügig überquere ich die Straße und fahre schließlich geschlaucht von den gefahrenen Kilometern langsam im Schritttempo - so wie etwa in der Fußgängerzone in Fritzlar angebracht - den breiten Bürgersteig die Straße hinauf.
Im Unterbewusstsein habe ich noch ein Hupen vernommen, und plötzlich steht ein Einsatzfahrzeug im schicken neumodischen Blau neben mir, einer der beiden Insassen eröffnet das Gespräch: "Wissen sie, was sie eben gemacht haben?" Ich halte an, schaue zu den sonnenbebrillten Herrschaften rüber und erwidere: "Guten Tag, ich befürchte, ich bin über die Kreuzung gefahren, obwohl die Fußgängerampel noch rot anzeigte."
Mir ist schon bewusst, dass ich hätte absteigen und obendrein warten müssen und befürchte analog des gestrigen Gesprächs, dass sich hier erneut keine große Freundschaft anbahnt. Der Gesprächsverlauf stützt diese These: "Sie sind bei Rot rüber gefahren, ja! Radfahrer haben immer Recht, oder was?" Sachlich versuche ich mich aus dem Schlamassel rauszuwinden: "Ich bin der Dame gefolgt, die kurz vor mir die Straße überquerte, habe mich aber noch vergewissert, ob andere Fahrzeuge die Straße kreuzen." Leider sprechen weitere Indizien gegen mich: "Warum fahren sie überhaupt auf dem Bürgersteig?" Die Lage wird immer brenzliger: "Der Weg hier ist doch sehr breit, und ich wollte mit meinem Bummeltempo nicht den Verkehr behindern...", jetzt wird es dem in blau gekleideten Beamten zu bunt: "Das kostet normalerweise 25 Euro!" Gar nicht gut. Vielmehr wird es aber auch nicht kosten, wenn man in einer Schritttempozone zu schnell fährt und geblitzt wird. "Ich werde sofort auf die Straße wechseln und zügig nach Hause fahren." Eine nicht erwiderte Verabschiedung bringe ich noch an den Mann und der Einsatzwagen zieht von Dannen.
Während ich dem Bus reumütig hinterher schaue, kommt mir schlagartig in den Sinn, mit welchem Gesang wir die zumeist traditionell grünen Einsatzfahrzeuge rund um die Stadien noch vor einer Woche während der Fußballweltmeisterschaft bedacht haben: "Grün-weißer Partybus, schalalalalaa!" Doch diese Zeiten des Frohsinns sind wohl erst einmal beendet, der Alltag ist wieder eingekehrt. Nach dem Turnier ist vor dem Turnier. Du weißt ja, wie es ist.
|