| 19.09.2006
Der Neu-Mainzer Carsten fragte mich neulich, ob ich ihn begleiten möchte – zu einem Klassikkonzert. Nun ist es nicht so, dass mir klassische Musik in Gänze fremd wäre, aber meine Spezialisierung liegt, sagen wir, in anderen musischen Bereichen, in denen etwa E-Gitarren eine gewichtige Rolle spielen. Als neugieriger Musikliebhaber willige ich dennoch gerne ein. Schließlich ist klassische Musik ein Klassiker, Streicher haben die Einführung von elektronischer Musik locker überdauert.
Und so verschlägt es Carsten und mich in die Mainzer Christuskirche. Dort tritt der Bachchor Mainz in Begleitung der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz auf, unter der künstlerischen Leitung des - Achtung! - aus Nordhessen stammenden Ralf Otto. Soweit kann ich noch folgen. Aufgeführt wird jedoch an diesem Abend die große c-moll-Messe von Wolfgang Amadeus Mozart. Die vollendete Fassung von R. D. Levin, natürlich. Spätestens hier reicht mein Schulwissen aus dem Musikunterricht nicht mehr aus. Unwissend und gespannt beziehen wir also unsere Plätze in den ausverkauften Reihen des Innenovals der imposanten Kirche.
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Der Antike nah: Auch in der Kasseler Stadthalle werden klassische Töne angeschlagen. |
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Während wir auf die Darbietung warten, schaue ich mich um und muss feststellen, dass ich offenkundig - trotz dem ich mir ein schmuckes Hemd übergeworfen habe - nicht richtig gekleidet bin: Ein Sakko scheint Pflicht zu sein - verdammt. Neben Carsten, der eine einfarbige und sehr schlichte Strickjacke trägt, kann ich jedoch mit meinem farbenfrohen Hemd erhobenen Hauptes sitzen.
Direkt vor uns bezieht ein Ehepaar seine Plätze. Doch irgendwie hadern sie mit ihrer Position. Schließlich zeigt der Gatte nach oben zur Empore, wo im Gegensatz zu den bestuhlten Reihen vor der Bühne freie Platzwahl herrscht. Kurze Zeit später entschwinden die Beiden. Wieso viel Geld für die Plätze löhnen und dann das Sakko im Abseits auf der Empore präsentieren? Hinter mir höre ich es ebenfalls rumoren. Mit meinen über zwei Metern Körpergröße versperre ich offenbar einer Besucherin die freie Sicht. Und siehe da: Betuchte Damen in Begleitung von elitären Sakkoträgern sind sich nicht zu Schade, um soeben frei gewordene Plätze zwei Reihen weiter vorne blitzartig einzunehmen.
Dann, der Dirigent und die Musiker betreten die Bühne. Und die Skepsis weicht bereits nach den ersten Tönen: Streicher, Chor und vier Solisten ziehen mich sogleich in die perfekte Klangwelt. Wobei ich mit den Songtexten leider überhaupt nichts anfangen kann. Ungewohnt ist meine Zurückhaltung während des Konzertes, wird doch tatsächlich zwischen den einzeln vorgetragenen Stücken nicht applaudiert. Nach Beendigung der Darbietung aber bricht die Stille, frenetisch werden die Protagonisten vom Publikum beklatscht und bejubelt.
Bestens gelaunt sprechen wir nach dem Konzert mit einer Chor-Akteurin. Dabei kann ich mir eine Frage nicht verkneifen: Wieso singt ein Bachchor ausgerechnet Mozart? Die Antwort habe ich vergessen. Sei es drum. Der Besuch des Konzertes hat sich gelohnt. Carsten, besten Dank.
Diese Glosse erschien in der Oktober-Ausgabe der "Nordhessischen Neuen Zeitung".
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