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DAS PASSBILD

03.02.2010

Dringend benötige ich ein Passbild. Für meine Abo-Fahrkarte. Ich wohne seit ein paar Tagen in Hamburg. Da braucht der Berufspendler eine Monatskarte für den öffentlichen Nahverkehr. Gerade im tiefen sibirischen Winter. Und für die Beantragung bedarf es eines Passbildes. Im Hauptbahnhof schaue ich mich gemeinsam mit meiner Freundin um, finde aber nach einer entspannten Runde keinen Fotoautomaten. Ich frage einen Bahnbediensteten.
"Der Automat hier im Hauptbahnhof ist nicht gut. Gehen Sie doch einfach zu 'Photo Dose', gleich dort drüben!"
Ich bedanke mich, frage mich aber sogleich, ob ich bei einer möglichen Rückgabe der Passbilder dort auch Pfand erhalte.

Bei 'Photo Dose' stellen wir nach einem flüchtigen Blick auf eine Preisübersicht im Schaufenster fest, dass Passbilder 19 Euro kosten. Ich möchte jedoch nicht palettenweise Passbilder mitnehmen und mir kommt in den Sinn, dass vier Bilder in so einem Automaten gerade einmal fünf Euro kosten.
Mein Personalausweis etwa ziert ein Passbild aus einem Kasseler Fotoautomaten: Bei drei Versuchen war der dritte mit Abstand der schlechteste, es gab jedoch kein Auswahlverfahren – und ganze zehn Jahre kann ich nun bei einer möglichen Verkehrskontrolle jeden Polizisten mit meinem Antlitz verschrecken:
"Okay, okay, Sie waren nicht zu schnell – aber packen Sie sofort Ihren Pass weg!"

Wir laufen weiter, und stehen plötzlich vor einer Informationssäule. Ein Knopf schreit mich geradezu an: "Drück mich!"
Und tatsächlich, aus dem roten R2-D2 ertönt nach einem kurzen Wählgeräusch wie von Geisterhand eine Stimme:
"Schö-nen gu-ten Ta-hag, ih-re Fra-ge bit-te!"
Sehr deutlich wird hier gesprochen, mit Bedacht Silbe für Silbe – da möchte ich in nichts nachstehen:
"Hal-lo, wo fin-de ich hie-her im Haupt-bahn-hof den Foo-too-au-too-maa-ten?" – "Voor-ne links in der Wan-del-hal-le!" – "Da-han-ke!"
Wir kommen beim Automaten an – und haben uns zum Glück für das richtige "vorne" entschieden. Sechs Euro, vier Bilder.
Ich schaue in die Kabine, drehe aufgrund meiner knapp zwei Meter Körpergröße den Hocker in Pfeilrichtung ganz runter, nehme Platz und bin mit meinen Augen nun genau auf Höhe der entsprechenden Markierung. Ich werfe die Münzen ein. Drei Versuche habe ich laut Information auf dem Display und kann dann im Anschluss auswählen. Nach meinen bisherigen Erfahrungen ein wichtiges Entscheidungskriterium.
Foto 1: Meine Augen sind halb geschlossen, weil der Auslöser ewig braucht. Foto 2: Besser. Foto 3: Ich sehe keinen Unterschied.
Die drei Bilder erscheinen auf einem mit Fingerabdrücken übersäten Monitor. Ich schaue mir zur Sicherheit noch einmal alle drei Bilder an, möchte mich gerade entscheiden, doch die Auswahl verschwindet. Ich starre in die schwarze Leere vor mir. Meine Freundin ruft erfreut rein:
"Deine Bilder kommen gerade raus!"

Irritiert schiebe ich den Vorhang zur Seite, steige aus dem Space-Shuttle aus und schaue mir das Resultat an: Vier mal meine Visage mit halb verschlossenen Augen. Der Automat hat mir netterweise die Entscheidung abgenommen: Eins, zwei oder drei, letzte Chance…
Genervt zerknülle ich das Fotopapier, treffe gekonnt den drei Meter entfernten Mülleimer und bin mit der Gesamtsituation unzufrieden.
Fürsorglich drückt mir meine Freundin sechs Euro in die Hand und sagt:
"Okay, versuch' es noch mal."
Komplett entnervt steige ich wieder in die Kajüte, werfe sechs Euro in den Münzeinwurfschlitz und zu meiner großen Überraschung passiert diesmal nichts. Auf dem Monitor ist nichts zu sehen. Gar nichts. Nach einer Minute drücke ich die Reset-Taste, doch die Münzen kommen nicht raus.
"Das Geld ist weg!"

Ich verlasse die Kabine. Eine Mutter mit Kleinkind bekommt meinen Ärger mit und fragt zaghaft:
"Bei Ihnen hat das mit dem Automaten nicht geklappt? Ich wollte auch gerade Passbilder machen." – "Na ja, die Auswahl funktioniert nicht und nun hat er sechs Euro verschluckt, aber Sie können gerne Ihr Glück versuchen!"
"Komm', wir gehen zu Photo Dose", sagt meine Freundin, noch immer die Ruhe selbst. Just in dem Moment spuckt der Automat die Münzen aus - immerhin. Ich entnehme sie dem Auswurfschälchen und wir lassen eine verunsicherte Mutter samt Kind zurück.
Im besagten Fotofachgeschäft erfahren wir, dass Bewerbungsfotos 19 Euro kosten, vier Passbilder hingegen nur zehn. Vor einer halben Stunde erschienen mir 19 Euro unangemessen, jetzt sind mir auch zehn zu viel, da ich bereits sechs Euro ausgegeben habe und seit einer Stunde durch den kalten Hauptbahnhof umherirre und ich mich mittlerweile frage, ob ich nicht auch bei Schnee und Eis einfach zur Arbeitsstelle laufen kann. Andere haben schließlich schon die Arktis durchquert.
Wir verlassen das Geschäft.
"Du brauchst doch ein Bild!", sagt meine Freundin in einem noch immer humanen Tonfall. Ich sage:
"Ja, aber erst Montag. Woanders gibt es bestimmt noch bessere Automaten."

Ein letztes Ansinnen habe ich aber, bevor wir den Hauptbahnhof verlassen:
"Ich schreibe mir eben die Beschwerdehotline auf, wir laufen eh' am Automaten vorbei."
Wir kommen am Automaten an und sehen eine alte Bekannte. Das Kind schläft im Kinderwagen und die verzweifelte Mutter zeigt mir vier frisch gedruckte Passbilder:
"Sie haben Recht! Der macht wirklich schlechte Bilder! So was kann ich doch nicht für meinen Personalausweis verwenden! Ich bin auf den Fotos gar nicht ganz zu sehen!"

Tatsächlich ist die Frau nur zur Hälfte abgebildet. Da muss wohl unmittelbar vor ihr ein großer Mensch im Automaten Platz genommen haben und die Höhe des Drehhockers verstellt haben.

Bitte lächeln!



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